Dauerstress fördert Infektionen

Bereits im 19. Jahrhundert wurde von Louis Pasteur beobachtet, dass Hühner unter Dauerstress anfälliger für Infekte waren. Mittlerweile ist die Wirkung der Psyche auf das Immunsystem besser untersucht. Langzeitstress fährt über die durch Cortisol vermittelte Wirkung die Immunantwort herunter, wodurch eine Eintrittspforte für Erreger aller Art geschaffen wird, vom Erkältungsvirus bis hin zu Herpes simplex (Lippen- oder Genitalherpes). Gleichzeitig wird auch das Auftreten von Autoimmunerkrankungen begünstigt. Auch eine Verschlimmerung bereits bestehender Krankheiten kann eintreten.

Wie beim Appetit, der durch Cortisol kurzfristig reduziert und langfristig gesteigert wird, vermuten Wissenschaftler auch hier eine zweistufige Antwort als Ursache: Akuter Stress versetzt das Immunsystem zunächst in besondere Alarmbereitschaft und erhöht seine Aktivität. Langfristig wäre eine solche Daueraktivität jedoch schädlich, da sich die alarmierten Immunzellen gegen den eigenen Körper richten würden (das nennt man dann eine Autoimmunerkrankung. Zu diesen zählen Diabetes Typ 1, Multiple Sklerose, Rheumatoide Arthritis, Lupus, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Zöliakie, Morbus Bechterew und viele andere). Daher reagiert der Körper auf eine langanhaltende Cortisolausschüttung, indem er das Immunsystem herunterreguliert. Darauf beruht auch die Wirkung von Cortisonpräparaten gegen Autoimmunerkrankungen mit all ihren unerwünschten Nebenwirkungen auf andere Zellen und Gewebe.

Das Immunsystem des Menschen besteht aus der angeborenen Immunantwort und der erworbenen Immunantwort. In die angeborene Immunantwort sind Granulozyten, Makrophagen (Fresszellen) und natürliche Killerzellen (NK-Zellen) eingebunden, die unspezifisch Krankheitserreger und Eindringlinge in verschiedenen Geweben unschädlich machen und auch dafür sorgen, dass nicht mehr funktionierende oder abgestorbene Körperzellen abgebaut werden. T- und B-Lymphozyten sind Teil des erworbenen Immunsystems, das seine Funktion durch den Kontakt mit Krankheitserregern ausbildet und in der Lage ist, diese wiederzuerkennen. Die Abstimmung der einzelnen Teile des Immunsystems ist sehr fein und wird unter anderem durch bestimmte Botenstoffe (Cytokine) vermittelt.

Viele Studien zeigen mittlerweile eine Wirkung von Stress auf verschiedene Zellen des Immunsystems. So sind unter anderem eine reduzierte Zahl an natürlichen Killerzellen, eine reduzierte Sekretion von proentzündlichen Cytokinen durch Makrophagen und ein Einfluss auf das Verhältnis der beiden T-Lymphozytentypen TH1 und TH2, die unterschiedliche Funktionen haben, nachgewiesen. Das Cortisol wirkt dabei offensichtlich über dasselbe System, das auch unseren Tag-Nacht-Rhythmus steuert, sowie über epigenetische Mechanismen auf das Immunsystem ein. Gleichzeitig beeinflusst Cortisol auch die Bakterienflo19 ra im Darm. Die „guten“ Darmbakterien werden weniger, die „schlechten“ mehr. Da der Darm direkt mit dem Immunsystem verknüpft ist, überrascht es nicht, dass auch auf diese Weise unser körpereigenes Abwehrsystem beeinträchtigt wird.

Um zu überprüfen, ob diese Veränderungen auch eine tatsächlich höhere Krankheitshäufigkeit beim Menschen zur Folge haben, wurde bei 608 Erwachsenen drei Tage lang das Cortisollevel im Speichel bestimmt. Anschließend wurden die Versuchspersonen mit einem Erkältungsvirus in Kontakt gebracht und dann fünf Tage lang auf Krankheitsanzeichen beobachtet. Das erwartete Ergebnis trat ein: Die gemessene Gesamtcortisol- Ausschüttung hing mit der Erkrankungshäufigkeit zusammen.

In verschiedenen Studien wurde außerdem mittlerweile gezeigt, dass gestörte Cortisolrhythmen während der Schwangerschaft das Risiko für die Kinder erhöhen, an allergischen Atemwegserkrankungen und Asthma zu erkranken, indem sie die Entwicklung der kindlichen Immunsystems beeinflussen.

Stress stört den Schlaf

Die erste, unmittelbar spürbare Auswirkung eines entgleisten Cortisolrhythmus sind Schlafstörungen. In einer Studie an Brustkrebspatientinnen ging ein flacherer Cortisolverlauf mit häufigeren nächtlichen Wachphasen einher, was wiederum ein Grund für darauf folgende Störungen des Cortisolrhythmus sein kann. Auch wenn Ihr Stress also nicht dazu führt, dass Sie vor lauter Sorgen nicht einschlafen können, kann es sein, dass er für Ihre Müdigkeit am Tag verantwortlich ist, weil Sie nachts immer wieder aufwachen. Umgekehrt lässt schlechter oder zu wenig Schlaf wiederum die Cortisolspiegel steigen. Eine ausreichende Schlafdauer ist darüber hinaus die Voraussetzung dafür, dass der Cortisolstoffwechsel einem natürlichen Rhythmus mit seinem Tiefpunkt zwischen Mitternacht und ca. zwei Uhr morgens folgen kann.

Ein- und Durchschlafstörungen und eine schlechte Schlafqualität ebnen den Weg in einen Teufelskreis: Durch die Müdigkeit am Tage fällt der Umgang mit dem Alltagsstress besonders schwer, was wiederum den Schlaf stört. Auf der hormonellen Ebene sorgt ein gestörter Schlaf für erhöhte Cortisolspiegel, die wiederum das Einschlafen und das Eintauchen in Tiefschlafphasen erschweren. Zusätzlich verstärkt wird das Problem dadurch, dass die Dauer der erholsamsten Schlafphasen mit zunehmendem Alter abnimmt, während gleichzeitig die Cortisolspiegel steigen.

Ein dauerhaft gestörter Schlaf macht allerdings nicht nur müde, sondern auch krank. Im gesunden Schlaf wird das Hormon Melatonin freigesetzt, das in unserem Immunsystem und in der Krebsprävention eine zentrale Rolle spielt. Schon eine Woche Schlafmangel beeinflusste bei Versuchspersonen 711 Gene, die vor allem für Entzündungsreaktionen, das Immunsystem, den Tag-Nacht-Rhythmus, den Stoffwechsel und Stressreaktionen verantwortlich sind. Das sind 3,1 % der etwa 23.000 Gene, die in der menschlichen Erbsubstanz vorhanden sind. Bei Versuchspersonen, die dazu angehalten wurden, weniger zu schlafen als sonst für sie üblich, zeigten sich messbare körperliche Folgen auch dann, wenn die Personen sich subjektiv gut fühlten.

Andere Studien hatten bereits einen deutlichen Zusammenhang zwischen wenig Schlaf und Übergewicht sowie Gedächtnisstörungen gefunden. Schlafmangel fördert zudem eine Immunschwäche, Entzündungsprozesse, Stressreaktionen, Bluthochdruck, die Entwicklung von Demenz, stört die Glukosetoleranz und fördert eine Insulinresistenz – die Vorläufer eines Diabetes mellitus.

Aber wie viel Schlaf braucht der Mensch? Schlafforscher sind sich mittlerweile einig, dass es auf diese Frage keine allgemeingültige Antwort gibt. Wie lange ein Mensch schlafen muss, um sich erholt zu fühlen und voll leistungsfähig zu sein, ist individuell unterschiedlich, mit einer natürlichen Spannweite von weniger als 6 bis mehr als 9 Stunden pro Nacht. Der Schlaf von 22.00 – 2.00 Uhr nachts ist der wirkungsvollste.

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