Stressauslöser reduzieren

Unsere Welt ist laut, hektisch und voller Aktivitäten. Wir werden täglich konfrontiert mit Gier, Zwang, Gewalt und Angst. Vielleicht denken wir nicht so oft daran, aber die Ergebnisse davon sind gravierend. Wir vergessen, unsere wahren Bedürfnisse wahrzunehmen und zu erfüllen, stattdessen jagen wir Dingen hinterher, die wir nicht brauchen, aber unbedingt haben oder erreichen wollen. „Nein“ zu sagen zu dem, was uns schadet, setzt voraus, dass wir erfüllt sind von einem tiefen „Ja“ zu einem balancierten, erfüllten, nicht überfüllten Leben im Herzen. Glück ohne Frieden kann es nicht geben.

In unserer schnelllebigen Welt ist Stress ein Statussymbol. Nur, wer sich über seine hohe Belastung beklagen kann, weist nach, wie viel er oder sie leistet. Wer an so vielen Stellen gebraucht wird, muss schließlich wichtig sein! Sich dieses Gedankengangs bewusst zu werden und sich davon zu distanzieren, also sein Selbstwertgefühl nicht mehr an Aktivitäten und Besitztümer zu koppeln, kann der Schlüssel zu einem entspannteren Leben sein. Die Kontrolle kehrt zurück, wenn Sie nur noch das tun, für das Sie sich aktiv entscheiden, statt nur passiv auf die Anforderungen und Anfragen zu reagieren, die auf Sie niederprasseln.

Wenn Sie das Gefühl haben, an extrem vielen Stellen gebraucht zu werden, dann hinterfragen Sie einmal kritisch: Was davon entspricht der Realität und welcher Teil des Problems ist hausgemacht, weil Sie Aufgaben an sich ziehen, keine Prioritäten setzen und anderen weniger zutrauen als sich selbst? Vielleicht gehören Sie in einigen Lebensbereichen zu den Menschen, die permanent nach Bestätigung für die Vielzahl der Dinge suchen, die sie schaffen, während Sie gleichzeitig unter der Last fast zusammenbrechen. Halten Sie sich vor Augen: Ihr Wert als Mensch bemisst sich nicht nach der Länge Ihrer To-Do-Liste!

Vielleicht sind Sie aber auch eine der Personen, die über dem, was sie für andere tun, ihre eigenen Bedürfnisse vergessen. Während die extreme Ich-Bezogenheit häufig in psychische Erkrankungen oder zerstörerische Verhaltensmustern mündet und daher die Neurose die typische Erkrankung einer egozentrischen Zeit ist, führt die extreme Du-Bezogenheit nicht selten zu einem Helfersyndrom, ko-abhängigem Verhalten und letztlich zum Burnout oder in die Depression. Das zweite Gebot Jesu zeigt prägnant den goldenen Mittelweg: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ Darin steckt eben nicht nur der Nächste, sondern auch das Selbst! Sie sind nicht egoistisch, wenn Sie sich auch um sich selbst kümmern. Im Gegenteil: Sie gehen dann verantwortungsvoll mit sich selbst und anderen um, indem Sie dafür sorgen, dass Sie gesund und leistungsfähig bleiben.

Diese tiefen Prägungen in unserem Charakter zu erkennen, ist der Beginn der Heilung. Sie ins Bewusstsein zu holen und in heilsamere Prägungen zu verwandeln, ist der Weg zur Gesundung. Dabei ist es ebenso zentral, sich selbst mit seinen hohen Erwartungen und seinem hohen Pflichtgefühl wie auch anderen Grenzen zu setzen. Die Erkenntnis der eigenen Begrenztheit ist schmerzhaft, aber heilsam. Es geht also darum, nur so viel zu tun, wie Sie leisten können. Das bedeutet vermutlich im Umkehrschluss, dass Sie einige Dinge loslassen müssen.

Aber wie entscheiden Sie, was wichtig ist? Vielen Menschen fällt es schwer, Verpflichtungen und Aktivitäten aus ihrem Leben zu streichen, da alles gleichermaßen wertvoll und unverzichtbar scheint. Der amerikanische Blogger Leo Barbauta schlägt hier eine Übung vor, die er „empty container“ nennt: Stellen Sie sich Ihr Leben als einen komplett leeren Behälter vor, den Sie nach Belieben füllen können. Losgelöst von allen Verpflichtungen: Was würden Sie aufnehmen, wenn Sie allein entscheiden könnten? Was ist Ihnen wichtig? Vergleichen Sie den Behälterinhalt dann mit Ihrem derzeitigen Leben und nehmen Sie ihn als Maßgabe für Ihre Antwort auf Anfragen, die an Sie herangetragen werden: Gehört die jeweilige Aktivität wirklich in Ihren Container? Wenn nicht, lassen Sie los. Sagen Sie Nein und: „Es tut mir leid, ich würde das wirklich gerne machen, aber ich kann nicht.“

Selbstverständlich handelt es sich hier um eine idealisierte Herangehensweise. Vielleicht würden Sie gern in Teilzeit arbeiten, würden dann aber zu wenig verdienen, um Ihre Familie zu ernähren. Vielleicht strengt Sie die Betreuung Ihrer Kinder an. Vielleicht haben Sie sich auch zu etwas verpflichtet, das Sie erst in mehreren Monaten abgeben können. In jedem dieser Fälle geht es jetzt um Schadensbegrenzung: den wahrgenommenen Stress zu reduzieren und die Auswirkungen auf den Stoffwechsel zu mindern.

Wichtig ist auch hier die Abkehr von Multitasking und Reizüberflutung. Unser Gehirn ist nicht dafür gemacht, gleichzeitig mehrere Aufgaben zu bearbeiten. Planung ist wichtig, denn indem sie gleichartige Tätigkeiten bündeln statt hin und her zu springen, werden Sie deutlich effizienter und erleben „Flow“, Sie fühlen sich im Fluss und damit glücklich. Bringen Sie mehr Ruhe in Ihr Leben, indem Sie sich dann ausschließlich auf die aktuell zu bearbeitende Aufgabe konzentrieren, sei es das Schreiben eines Berichts, das Fußballspielen mit Ihrem Kind oder das Saugen des Wohnzimmers. Auf diese Art und Weise gehen Sie bereits die ersten Schritte in Richtung Achtsamkeit (mehr dazu s. u.) und Sie werden merken, wie viel weniger gehetzt Sie sich fühlen.

Hilfreich kann auch eine Änderung der inneren Einstellung sein. Die Urheberschaft dieses wundervollen Gebetes („serenity prayer“) ist unsicher, seine Bedeutung aber zeitlos:

Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Wie viel meiner Energie verwende ich für Dinge, die ich nicht ändern kann, und habe dann keine Kraft mehr für das, was ich ändern kann? Der Schritt weg vom „Müssen“ und auch selbst gemachten Zwängen hin zu einem sinnvollen, selbstbestimmten Leben ist gleichzeitig ein sehr wichtiger Schritt zu einer glücklicheren und entspannteren Lebensweise.

Planen Sie außerdem ausreichend echte Ruhezeiten ein, in denen die Reizüberflutung des Alltags stoppt und der Kopf zur Ruhe kommt, z. B. Spazierengehen, Gartenarbeit, Handarbeit, ein heißes Bad oder einfach früheres Zubettgehen – was immer Ihnen gut tut. Fernsehen, Surfen und WhatsApp gehören nicht dazu! Sie scheinen zwar vermeintlich keine Gehirnleistung zu brauchen, halten den Kopf aber dennoch beschäftigt. Zudem sorgt der hohe Blaulichtanteil der Displays, Fernseher und Monitore dafür, dass der natürliche Schlaf-Wach-Rhythmus gestört wird, weil der Körper das blaue Licht als Tageslicht interpretiert.

Bei der Arbeit können Sie durch entsprechende Einstellungen Ihres Mailprogramms dafür sorgen, dass Ablenkungen reduziert werden, und sich bewusst zum Single Tasking anhalten. Nehmen Sie sich Zeit für Ihr Mittagessen, stehen Sie immer mal wieder vom Schreibtisch auf und gehen Sie ein paar Schritte.

Sie fühlen sich faul, wenn Sie nichts Produktives tun und sich Zeit zum Entspannen nehmen? Noch einmal: Entspannung und die Sorge für Ihren eigenen Körper tragen langfristig dazu bei, Ihre Leistungsfähigkeit zu erhalten. In der Summe erreichen Sie so mehr, als wenn Sie all Ihre Energie auf einmal verbrennen.

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